Vergiss mein nicht!
First of all: Hier wird sich in den folgenden Zeilen nicht über eine Mutter empört, die derzeit in den Schlagzeilen ist. Auch wird es nicht um den Vorwurf der Fahrlässigkeit oder Herzlosigkeit gehen, nicht darum, einer Frau abzusprechen, eine gute Mutter zu sein und auch nicht um die Beschäftigung mit Mutmaßungen.
Aber es soll um die Bewertung eines Phänomens gehen, das signifikant den Gesundheitszustand unserer Gesellschaft abbildet, in diesem Fall konkret den Zustand der kleinsten Zellen der Gesellschaft: der Familien. In dieser Hinsicht mag die Mutter, die in der vorvergangenen Woche im baden-württembergischen Schorndorf ihr Kind im Auto leblos auffand, nachdem sie es dort vergessen hatte, sogar weniger als Täter denn als Opfer erscheinen.
Um was aber geht es genau beim „Fall Schorndorf“? Am 18. Juni, so meldeten es die Nachrichten, wurde am Nachmittag von einer Mutter ihr zwanzig Monate altes Kleinkind tot in dem von ihr abgestellten Auto entdeckt. Nach den Ermittlungen und nach dem, was davon in der Öffentlichkeit bekannt wurde, hatte die Mutter das Kind im Wagen vergessen.
Aber ganz offensichtlich nicht, weil sie unter eingeschränkten Wahrnehmungen litt oder unter Drogeneinfluß stand, sondern weil sie der Meinung war, sie habe das Kind an diesem Tag wie jeden Morgen im Kindergarten abgegeben. Die hohen Temperaturen in Kombination mit dem abgeschlossenen PWK-Innenraum hatten dann das Kind zu Tode gebracht.
Wenn Menschen im „Autopilotmodus“ und Hamsterrad gefangen sind
Die Betroffenheit und Fassungslosigkeit in der Öffentlichkeit sind seither hoch. Viele fragen sich, wie es möglich ist, dass eine Mutter ihr Kleinkind vergessen kann. Die Medien präsentieren hier in der handelsüblichen Abschreibemanier den US-Psychologieprofessor David M. Diamond, der sich auf das „Forgotten-Baby-Syndrom“ spezialisiert hat. Dies entsteht laut seinen Studien keineswegs durch Lieblosigkeit oder Vernachlässigung, sondern durch situative und kognitive Faktoren wie Stress, Schlafmangel und Störung des Tagesablaufs.
Menschen befinden sich in der Tretmühle eines Arbeitstages mit seinen diversen Anforderungen und verfallen zum Schutz vor erhöhter Nervosität in das, was man in der Fachsprache einen „Autopilotmodus“ nennt, also in einer Form von Alltagsroutine, die angesichts des Multitasking, das heute von einem verlangt wird, eine Art Automatik einschaltet, in der man – quasi ohne nachzudenken – funktionieren kann, ohne ständige Einzelentscheidungen zu fällen.
In diesem Hamsterrad entsteht dann das, was das „Forgotten-Baby-Syndrom“ meint: Man vergisst unter Umständen das Wichtige über dem Nebensächlichen. Und wenn dann ein Kind auf dem Rücksitz geräuschlos eingeschlafen ist und die Wickeltasche auf dem Beifahrersitz nicht daran erinnert, dass da noch jemand im Auto mitfährt.
Wenn einen dazu noch die Parallelwelt der Social-Media in Schach hält und man neben Autofahren und Abgabe des Kindes in der Krippe auch noch bei WhatsApp chattet oder sich bei TikTok durchscrollt, dann kann es schon einmal sein, dass der Autopilot ausgeschaltet wird und man aufgrund von zu vielen Ablenkungen durch das World Wide Web das Naheliegende übersieht oder vergisst. Und das kann auch ein Mensch sein, das eigene Kind gar.
Die vermeintlichen Lösungen
Das Phänomen des „Forgotten-Baby-Syndrom“ ist in diesem Zusammenhang durchaus keine Seltenheit, was natürlich zur Behebung der Gefahrenzone PKW die Kinder- und Jugendheilkunde mit diversen Ratschlägen auf den Plan ruft. Zu den Tipps, wie man ein Baby im Kindersitz nicht vergißt, gehört die Empfehlung, ein Stofftier oder ein Spielzeug des Kindes auf den Beifahrersitz zu legen oder die eigene Tasche oder das Mobiltelefon auf dem Rücksitz zu positionieren, damit man beim Aussteigen nach hinten schaut und dabei an den dort geparkten Nachwuchs erinnert wird.
Auch die Verabredung eines Kontrollanrufes aus dem Kindergarten sei eine Lösung, für den Fall, dass das Kind unabgesprochen fehlt. Dann würde man an der Supermarktkasse oder auf der Arbeitsstelle professionell erinnert, dass sich das Kind noch im Transportmittel zur Tagesbetreuung der Familienersatzeinrichtung befindet. In den USA wurde gar ein System namens SafeCuddle (sicheres Kuscheln) entwickelt, das das „Forgotten-Baby-Syndrom“ vermeiden helfen soll.
Das System warnt mittels Sensoren den Fahrer eines PKW mit „Baby an Bord“, sobald erkannt wird, dass er sein Fahrzeug verlässt, während sich noch ein Säugling im Wagen befindet. Gestörte Routinen und die Belastungen des modernen Lebens werden dadurch als Hauptfaktoren elterlicher Vergesslichkeit bekämpft und Betreuungspersonen durch einen Sicherheitsmechanismus unterstützt.
Aber damit nicht genug! Die Technik hat noch allerlei mehr Hilfreiches zu bieten: Intelligente Sitzkissen, die mit Drucksensoren und einer Kommunikation über eine Smartphone-App verbunden sind, integrierte Kindersitze mit SensorSafe-Gurtsystem, Bluetooth-Geräte zum Anklipsen an den Kindersitzgurt und cloudbasierte mehrstufige Alarmsysteme, die per Push-Benachrichtigung, Anruf und SMS darüber informieren, dass sich Jonas, Mila oder Charlotte noch im Fahrzeug befinden.
Elektronische Hilfstruppen in der entmenschlichten Brave New World
Und so rücken der allgemeinen Vergesslichkeit als Kollateralschaden einer mehr und mehr entmenschlichten und effizienzdominierten Brave New World wiederum – ganz passend – elektronische Hilfstruppen zu Leibe, die mit ihren Betriebssystemen und Sensoren das Überleben von Kleinkindern sicherzustellen versprechen, die ansonsten schnell mal eben vergessen werden, wenn man nicht aufpasst.
Der Weg aus der selbstverschuldeten Amnesie, die durch eine zunehmende Überforderung des Menschen im digitalen Zeitalter entsteht, wird also – wie könnte es anders sein – digital und nicht auf eine analog-menschliche Weise angeboten. Kann es sein, dass hier einiges verrutscht ist?
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Dass das bedauernswerte Kind aus Schorndorf nicht das Opfer seiner nicht minder bedauernswerten Mutter ist, sondern dass Mutter und Kind die Opfer einer Welt sind, in der der Mensch sich als anpassungsfähiges Wesen in einen Funktionszusammenhang zu fügen hat, der allem nützt, nur ihm nicht?
Keine Mutter vergisst so schnell ihr Kind, wenn ihr Alltag von der Bindung an dieses Kind bestimmt ist – zumindest in den ersten Jahren der Anlaufphase zu einem selbständigen Menschsein.
Aber in einer Welt der Produktivität, wo Mütter und Väter bis auf die Notwendigkeit zu Zeugung und Empfängnis ihres Elternseins entkleidet werden und so gut wie alles Elterliche an Einrichtungen outgesourct wird, wo ein Mensch von Platz zu Platz durchgereicht wird, um dort in erster Linie zu funktionieren, statt in zunächst er selbst zu werden und zu sein, ja da kann es schon mal sein, dass mal jemand am Produktionsband vergessen wird, wenn die Sensoren nicht anschlagen.
Die finale Überwindung des personalen Wesens
Vom Krippen- und KiTa-Platz auf den Platz in der Schule über den Ausbildungs- und Studienplatz, den allesentscheidenden Arbeitsplatz bis zum Patz in der Tagespflege – der „KiTA für Senioren“ – und zum Platz im Pflegeheim entspinnt sich die ständige Umtopfung als unaufhaltsame Abfolge einer unbarmherzigen Verzweckung und Objektwerdung des Menschen zugunsten einer blinden Fortschrittsideologie. In dem nun ausgerufenen KI-Zeitalter, das als Agenda ganz offensichtlich die Ablösung des Menschen durch die Welt der Algorithmen hat, verschwindet alles am menschlichen Wesen, das ihn menschlich macht.
Er selbst wird zur humanen Trägersubstanz im materialistischen Konzept von der finalen Überwindung des störenden personalen Wesens, wie es zum Beispiel der Glaube der Christen vertritt. Dieser geht nämlich davon aus, dass der Mensch ein aus Liebe geschaffenes und deswegen gewolltes Wesen ist, das in seiner Geschöpflichkeit eine Garantie erblicken darf, die ihm Würde und Bestand selbst über Tod hinaus verspricht.
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Genau diese Vorstellung ist aber unserer fleißigen Politkaste entweder nicht bekannt oder ihr ein Dorn im Auge. Sonst wäre nicht zum Beispiel die Familie so sehr im Fokus des allgemeinen politischen Vernichtungswillens, wie er sich derzeit erneut durch die Zwangsberufstätigkeit von Müttern zeigt, die durch den geplanten Wegfall der familiären Krankenmitversicherung auf beinahe jede Familie unabänderlich zukommen würde.
Vor einigen Jahren schon sprang mir die offenkundige Akzeptanz der Nachordnung der Familie hinter allgemeinen Wirtschaftsinteressen bei einer Beschäftigung mit Kindergartenkindern zum Kreuzweg Jesu ins Auge. Bei der vierten Station, bei der Jesus mit dem Kreuz auf der Schulter Seiner Mutter Maria begegnet, wollte ich herausarbeiten, wie sehr es den leidenden Gottessohn getröstet haben muss, dass Er dort Seine Mutter in Seiner Nähe sieht.
Sie kann nicht viel tun, aber sie kann dadurch, dass sie Mutter ist, trösten, ermutigen, heilende Nähe durch liebende Mütterlichkeit schenken. Also fragte ich die Kinder, wie es bei ihnen ist, wenn sie einmal hinfallen oder sich sonst wie wehtun, nach wem sie dann rufen. Nachdem es eigentlich immer wie bestellt den Kindern entfuhr: „Ich rufe nach der Mama!“ heißt es heute von vielen spontan „Ich rufe nach der Erzieherin!“.
Die Entkoppelung von Mutter und Kind
Auf der Spur dieser Entkoppelung von Mutter und Kind durch die krakenartigen Zugriffe vorgeblich subsidiärer Institutionen, die in Wahrheit aber in ihrer Allgegenwart und staatlicher Bevorzugung nichts anderes als Familienzerstörer sind, liegt unter anderem der tragische Fall von Schorndorf. Denn die Überlastung im Sklavenalltag eines von allen Seiten eingespannten und mit meist sinnlosen Informationen geimpften Menschen – Mutter wie Vater – bringt eine Umpolung der Priorisierung von Menschlichkeit zu Nützlichkeit hervor.
Wer sein Kind gewöhnlicherweise zwischen Arbeit und Haushalt nur irgendwie ständig „unterzubringen“ hat – in den meisten Fällen zwischen 35 und 45 Stunden wöchentlich (!) – entwickelt eine Alltagsroutine, die nur noch ansatzweise so etwas wie einen familiären Schwerpunkt möglich macht. In diesem antrainierten Verhalten, wird dann auch das durchaus geliebte und gewollte Kind zur gepamperten Organisationseinheit.
Und zwar, weil für viel mehr oder gar ganz Anderes, Unproduktives, Zweckfreies aber wesentlich Menschliches wie Zeit zum Reden, Lachen, Weinen, Beten, Spielen und einfach nur Beisammensein einfach keine Luft mehr bleibt. Insofern muss auch am Ende dieser Zeilen nochmals betont werden, dass sie frei von jeder Verurteilung der Mutter aus Schorndorf sind.
Nicht frei sind sie indes von der Verurteilung einer Welt, in der der Mensch zur Verhandlungsmasse im Räderwerk der Produktivität wird. Oder sogar zum Störfall, wenn diejenigen, die man vor der Geburt nicht verhindert hat zur Belastung des Planeten stilisiert werden und diejenigen, die am Ende zwar noch da sind aber nicht mehr leistungsfähig, zur Belastung des Pflegesystems.
Nicht nur der arme Säugling aus Schorndorf, sondern die ganze Menschheit leidet mehr und mehr unter einer systematischen Vergesslichkeit, was das Wesen des Menschen betrifft. Wie tröstlich ist es da doch zu lesen, was der Prophet Jesaja dem verzagten Volk Israel in einer Situation der Verlassenheit von Gott ausrichtet:
„Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, ohne Erbarmen sein gegenüber ihrem leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergisst: Ich vergesse dich nicht. Sieh her: Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände.“ (Jes 49,15 f).
Damit begegnet Gott, der sich hier interessanterweise als Mutter äußert, dem „Forgotten-Baby-Syndrom“ auf Seine Weise: mit der Zusage, dass Er da, wo man Ihn liebt, zurückliebt. Und zwar nicht durch roboterisiertes „sicheres Kuscheln“, sondern durch jene Liebe, wie sie nur ein Vater und eine Mutter schenken können. Wenn man sie lässt.
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