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Kolumne „Der Schweizer Blick“

„Es wird ja sowieso gemacht“

Was derzeit in Deutschland hitzig diskutiert wird, ist auch in der Schweiz verboten, und das auf höchster Stufe: in der Verfassung. „Die Embryonenspende und alle Arten von Leihmutterschaft sind unzulässig“, steht dort in Artikel 119 mit der Einleitung: „Der Mensch ist vor Missbräuchen der Fortpflanzungsmedizin und der Gentechnologie geschützt.“

Daran wollte in jüngerer Vergangenheit kein Politiker aktiv rütteln. Mehr noch, es hat sich lange gar niemand um die Frage gekümmert. Der Fall des deutschen Spitzenpolitikers Jens Spahn (CDU) hat nun dafür gesorgt, dass das Thema auch in der Schweiz wieder virulent wird. 

Zunächst kam ein ehemaliger Politiker der Partei „Die Mitte“, der einstigen Christlich-demokratischen Volkspartei (CVP), aus der Deckung. Vor fast zehn Jahren schlugen er und sein Partner denselben Weg ein wie nun Jens Spahn und wurden so Eltern einer Tochter.

Für Aufsehen sorgte das damals kaum. Vermutlich war der Regionalpolitiker einfach zu wenig bedeutend, um aus seiner Lebensentscheidung Schlagzeilen zu generieren. Zudem hatte er sein politisches Umfeld frühzeitig informiert, und im Unterschied zum ehemaligen deutschen Gesundheitsminister hatte er sich auch nicht öffentlich gegen die Leihmutterschaft ausgesprochen, bevor er sie selbst in Anspruch nahm. 

Erlaubt soll sein, was sowieso gemacht wird

Nun packt der Mann, inzwischen unter Wahrung seiner Anonymität, die Gelegenheit beim Schopf und findet, es sei Zeit für eine Legalisierung. Er ist überzeugt, die Bürger täten sich mit der Praxis von Leihmüttern weniger schwer als die Politiker, er sagt: „Das Volk ist in solchen Diskussionen meist viel weiter als die Politik.“ Ob man „weiter“ ist, wenn man der Fortpflanzungsmedizin freien Raum lassen will, sei dahingestellt. Es ist ein beliebter Trick, die eigene Haltung als modern und Gegenstimmen als ewiggestrig darzustellen.

Weit interessanter ist das zweite „Argument“ des Ex-Politikers. Man solle Leihmutterschaft legalisieren, weil es ja „sowieso gemacht“ werde. Wie oft das in der Schweiz der Fall ist, lässt sich nicht exakt eruieren. Aber Juristen dürften sich schwer tun mit der flapsigen Begründung, was ohnehin geschehe, könne man ja auch erlauben.

Das Strafgesetzbuch könnte man problemlos ausdünnen, wenn sich diese Haltung durchsetzen würde. Wozu soll man Vergehen, beispielsweise im Straßenverkehr, als illegal erklären, verfolgen und ahnden? Es wird doch ohnehin zu schnell oder alkoholisiert Auto gefahren. Schon immer und auch weiterhin. Es wird ohnehin belästigt, beleidigt, gestalkt. Vieles von dem, was unter Strafe steht, wird „sowieso gemacht“ und könnte nun, um sich die Arbeit zu sparen, einfach legalisiert werden.

Marktwirtschaft in Reinkultur

Was in der Debatte, ob in Deutschland oder der Schweiz, zu wenig beleuchtet wird, ist der innere Kern der Leihmutterschaft abseits moralischer Fragen. Dass es vor allem die politische Linke ist, die dieser Praxis das Wort redet, ist erstaunlich. Denn der Einsatz einer Leihmutter ist Kapitalismus pur. Es ist, klassenkämpferisch ausgedrückt, sogar Raubtierkapitalismus.

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Eine Leihmutterschaft ist teuer für die „Abnehmer“ des „Produkts“. Das kann sich nur leisten, wer sich zuvor erfolgreich den Regeln der Marktwirtschaft unterworfen hat. Die „Produzentin“ und spätere „Verkäuferin“ ist demnach das Opfer des Kapitalismus, denn sie braucht offensichtlich dringend Geld. Oder glaubt jemand, eine Frau stelle ihren Körper für Schwangerschaft und Entbindung zur Verfügung, weil sie das einfach gern mal erleben möchte, ohne danach die Last eines heranwachsenden Kindes tragen zu müssen?

Leihmutterschaft ist Handel, und das Angebot ist größer als die Nachfrage. Es gibt weit mehr Frauen, die technisch in der Lage sind, zu „liefern“ und aufgrund ihrer finanziellen Situation auch bereit dazu sind, als es Menschen gibt, die auf diese Weise Eltern werden wollen. Das ist ebenfalls eine Folge des globalen Kapitalismus, in dem es reiche und arme Regionen gibt. Die Nachfrageseite ist im Vorteil: Sie kann die Bedingungen diktieren. Es ist ein Deal zwischen ungleichen Partnern.

Plötzlich zählt das Individuum

Aber nicht nur, dass sich Linke nun plötzlich für einen solchen Auswuchs des freien Markts in die Schlacht werfen. Sie entledigen sich bei diesem Thema auch anderer Grundsätze, wie Eric Gujer, Chefredaktor der Neuen Zürcher Zeitung, in einem Leitartikel festhält. Er schreibt dort: 

„Im Zeichen der Identitätspolitik hat eine Umwertung aller Werte stattgefunden. Die Linke, die sich traditionell dem Kollektiv und dem Klassenkampf verschrieben hat, propagiert heute den entgrenzten Individualismus.“

Das ist in der Tat bemerkenswert. Lange galten links der Mitte persönliche Bedürfnisse oder auch nur schon privates Besitztum als anrüchig. Alles sollte der Gesellschaft und deren gemeinsamen Zielen – die es so gar nicht gibt – untergeordnet werden. Verhandelt ein reicher ausländischer Unternehmer über den Zuzug in die Schweiz mit einer Pauschalbesteuerung oder kauft er sich ein Schloss mit Seeanstoß, ist er der Feind. Kauft er sich ein Kind, ist er ein Held. Mit einem Mal ist das marktwirtschaftliche Konzept von Angebot und Nachfrage erstrebenswert.

Bürgerlich-konservative Kreise wollen der Freiheit des Marktes Grenzen setzen, Linke wollen sie aushebeln, wenn es um Leihmutterschaft geht. Grüne laufen Sturm gegen Gentechnologie auf landwirtschaftlichen Feldern, bejubeln sie aber bei der Fortpflanzung. Die Welt steht Kopf.

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