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Kolumne „Ein bisschen besser“

Dieser fürchterliche Satz: „Die Tage werden kürzer“

Neulich waren Judith und ich auf einem italienischen Dorffest zum Ende dieses wunderbaren Sommers. Es gab Polenta mit viel Bergkäse darin, es floss der Wein und der Pastor des Dorfes spielte Ziehharmonika. Es wurde dieses alte Partisanenlied gesungen: „Bella Ciao“. Und da auch ich gerne ein Lied schmettere, kramte ich in meinem Kopf nach etwas Passendem. Ich wollte die Italiener und Judith beeindrucken. Es sollte etwas Deutsches und Ergreifendes sein.

„Hoch auf dem gelben Wagen“ fiel mir ein: Wanderlust, Postkutsche, deutsche Landschaft, ein bisschen Hermann Hesse ohne Hermann Hesse. Nur leider ist das gute Stück auf den zweiten Blick kein fröhliches Reiselied, sondern eine verschnörkelte Beschreibung unseres Ablebens. Die Postillone blasen, die Pferde schnauben, und ehe du dich versiehst, bist du tot. „Passt hervorragend zum Sommerfest“, bemerkte Judith und faltete meine Gedanken so zusammen, dass sie in eine Streichholzschachtel passten.

Der gelbe Wagen hat nicht einmal angehalten

Dabei fuhr doch dieser Sommer gerade davon. Im Juni noch hatten wir geglaubt, er sei unendlich. Vor uns lagen drei Monate, in denen wir alles machen wollten: schwimmen, reisen, lesen, Freunde treffen, abends draußen sitzen, Italienisch lernen, weniger aufs Handy schauen und endlich diese Bergtour machen. Jetzt sitzen plötzlich die Schwalben zum Abflug bereit auf der Stromleitung, jemand sagt diesen fürchterlichen Satz: „Die Tage werden kürzer“, und wir merken: Der gelbe Wagen hat nicht einmal angehalten.

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Ein optimistischeres Lied wäre ein bisschen besser. „Das Wandern ist des Müllers Lust.“ Der Müller wandert. Es hält ihn nirgendwo. Kaum ist er angekommen, muss er weiter. Burnout mit Rucksack. Vielleicht ist das die geheime Botschaft deutschen Liedguts: Hoch auf dem Wagen, das Wandern ist des Müllers Lust. Muss i denn zum Städtele hinaus. Immer weg. Das deutsche Volkslied ist im Grunde Easyjet mit Blockflöte.

Ich sang „Lili Marleen“

Vielleicht lag es am Wein, aber plötzlich ergab alles einen Sinn. Judith und ich wissen, dass wir den Sommer nicht festhalten können. Nicht diesen und keinen anderen. Dass irgendwann der letzte Abend kommt, an dem wir draußen sitzen, ohne eine Jacke zu holen. Dass die Grillen verstummen, die Schwalben verschwinden und irgendein Supermarkt anfängt, Lebkuchen aufzubauen, während wir noch Sonnencreme im Gesicht haben.

Der Don spielte weiter Ziehharmonika. Alte Männer legten die Arme umeinander, Kinder liefen zwischen den Bänken herum. Über den Bergen lag das goldene Licht, das der Sommer nur dann hervorholt, wenn er weiß, dass er bald weg ist. Ich sah Judith an, sie mich. „Jetzt sing halt“, sagte sie. Ich richtete mich auf und sang „Lili Marleen“. Das Lied von der Laterne, vom Abschied, vom Warten und von einer Liebe, bei der du nicht weißt, ob du sie jemals wiedersiehst. Die Italiener wurden still. Der Don spielte mit. Judith lächelte. Und ich dachte: Na bitte: urdeutsch, ergreifend, endzeitlich. Und es geht doch weiter.

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