Wahlsonntag
Seit Wochen elektrisiert der Wettlauf der Wahlumfragen die Bevölkerung Deutschlands. „Was käme heraus, wenn am Sonntag Landtags- oder Bundestagswahl wäre?“ ist die einschlägige Frage, deren Beantwortung zu Prognosen führt, die wiederum diejenigen, die um die Gunst ihrer Wähler zu buhlen haben, entweder motiviert oder deprimiert.
Würde man nun unter Katholiken mit einer analogen Sonntagsumfrage wissen wollen „Wer würde am kommenden Sonntag zur Kirche gehen?“ wäre die Depression wohl allseitig. Rund 1,3 von 19 Millionen Katholiken besuchen in Deutschland sonntags die hl. Messe. Die Verteilung ist unterschiedlich und bewegt sich laut der neuesten Statistik der Deutschen Bischofskonferenz zwischen vier und vierzehn Prozent, bezogen auf die einzelnen Diözesen. Spitzenreiter ist das Bistum Görlitz mit 14,6 Prozent, die rote Laterne hängt in der Diözese Aachen mit nur 4,6 Prozent an sonntäglichen Gottesdienstbesuchern.
Demgegenüber stehen rund 800.000 kirchliche Angestellte, von denen man weiß, dass sie mit der Gruppe von Gottesdienstbesuchern nur zu einem ganz geringen Teil identisch sind. Legt man diesen Zahlen die üblichen Analysen des kirchlichen Alltags im Gemeindeleben, die Nachwuchszahlen bei Priestern und Hauptamtlichen im Seelsorgebereich und die allgemeine Ausrichtung der Verkündigung zugrunde, stellt man fest: Der große Kirchensteuerapparat in Deutschland ist im Sinkflug.
Außen geht es um Gott, innen um das Leben in dieser Welt
Auch in meinem täglichen Arbeitsumfeld klafft eine große Diskrepanz zwischen dem, was die immer noch beheizten und beleuchteten Kirchengebäude mit ihren in den Himmel weisenden Türmen eigentlich traditionell sagen, und dem, was hinter den dank der Kirchensteuer in der Regel gut sanierten Fassaden steckt. Außen geht es um Gott und innen um all das, was die gegenwärtigen Manipulationen aus den diversen Denkfabriken im Empfinden der Mehrheit der Menschen hinterlassen haben.
Es ist die Bemühung um das Leben in dieser Welt, das an erster Stelle steht. Die Regeln des Zusammenlebens, der Planet und seine Zukunft, das Wohlfühltrachten in den Beziehungen und die Sorge um die pauschale Akzeptanz aller möglicher Diversitäten sind die Themen, die sich die Kirche auf die Regenbogenfahne geschrieben hat.
› Abonnieren Sie den Corrigenda-Newsletter und erhalten Sie einmal wöchentlich die relevantesten Recherchen und Meinungsbeiträge
Ewiges Leben oder gar dessen möglicher Verlust und damit verbunden die Sorge um die bislang als unsterblich geglaubte Seele treten – vorsichtig formuliert – eher in den Hintergrund. Lässt man in Versammlungen mit überwiegend hauptamtlich angestelltem „Pastoralpersonal“ Begriffe wie „Erlösung“, „Gnade“, „Himmel-Hölle-Fegefeuer“, „Keuschheit“, „Gehorsam“, „Bekehrung“, „Opfer“, „Kreuz“, „Mission“, „Treue“ oder „Hierarchie“ fallen, wird man in der Regel mit pawlowscher Berechenbarkeit angegiftet oder zumindest schmallippig ertragen.
Badet man hingegen in dem Begriffspool von „Nachhaltigkeit“, „Solidarität“, „Diversität“, „Gendergerechtigkeit“, „Partizipation“, „Demokratie“ und „gesellschaftlicher Anschlussfähigkeit“, ist man auf der sicheren Seite und darf im Diskurs mitspielen. Dass die Kirche – wie in ihren blutigen Anfängen – ein Zeichen des Widerspruchs ist, das in allen Zeiten quer zur „Welt“ steht, ist lange vergessen.
Die Kirche will nicht mehr die Truppe der Frommen sein, sondern zu den Anerkannten zählen
Die „Welt“ wurde erst in den 1960er Jahren neu entdeckt und umarmt, dann „gestaltet“ und schließlich nach der Jahrtausendwende als „Quelle der Offenbarung“ verstanden. Ungeachtet der Binsenweisheit, dass Gott natürlich auch in den Zeichen der Zeit zu den Menschen spricht, ist indes die „Welt“ – jedenfalls wie sie die Bibel versteht – kein Impulsgeber für den Sinn des Lebens, sondern lediglich der Ort, an dem Gott durch die Getauften Sinn und Ziel verkünden lässt, auch wenn es der „Welt“ in der Regel nicht gefällt.
Denn die Transzendenz stört die Kreise einer „Welt“, die sich selbst genügen will. Legt man zugrunde, dass man sich in der Kirche weitgehend damit abgefunden hat, wundert es nicht sonderlich, wenn die mickrigen Zahlen an praktizierenden Gläubigen die Verantwortungsträger nicht beunruhigen. Sie haben schließlich den Steuertopf, aus dem sie nach dem teils selbstverschuldeten flächendeckenden Verlust des tradierten Glaubensgutes ihre neuen Formate bespielen können, um dasjenige als veränderte Kirchlichkeit zu betreiben, was andere „zivilgesellschaftliches Engagement“ nennen.
› Lesen Sie auch: Wahrheit statt Zahlen
Die Kirche will gar nicht mehr die Truppe der Frommen sein, sondern zu den Anerkannten zählen. Das Streben in den landauf, landab zusammenbrechenden Pastoralen Räumen und Seelsorgeeinheiten richtet sich deswegen auch nicht in Richtung Mission oder Bekehrungsinitiativen aus, sondern auf eine Form von gesellschaftlicher Dienstleistung, deren Angebote sich entweder gar nicht mehr als religiöse erkennen lassen, oder nur, solange sie nicht den materialistischen und weitgehend transzendenzbefreiten gesellschaftlichen Konsens stören.
Es wäre zu kurz gegriffen oder schlimmstenfalls zu gutmütig, diese Entwicklung als eine Art bewusster Strategie der Tarnung zu verstehen, die am Ende wie ein Trojanisches Pferd in der Mitte der Gesellschaft Salz und Licht in die Stadt bringen würde. Nein, man ist zufrieden mit der eigenen Unsichtbarkeit und erhebt sie gern auf der Flucht nach vorne zur Tugend. Man hat die Berufung zum Martyrium aufgegeben und stattdessen den Platz am Konferenztisch eingenommen.
Ein Bischof in Dauerempörung gegen „Rechts“ vergisst eine wichtige biblische Botschaft
Der für seine Dauerempörung gegen „Rechts“ bekannte und im diesbezüglichen Kampfmodus manchmal leicht wirklichkeitsenthoben wirkende Bischof von Magdeburg, Gerhard Feige, verbittet sich gar in der aktuellen Ausgabe der Herder-Korrespondenz eine offensive Neuevangelisierung. Er sei „sehr skeptisch gegenüber Strategien und Methoden, mit denen Menschen bewusst überzeugt werden sollen“.
War da nicht ein biblischer Bericht von der Aussendung der Jünger, nach dem Jesus aber genau das von seinen Jüngern fordert? Sie sollen in alle Welt gehen, allen das Evangelium verkünden und – Achtung! – die Menschen lehren, alles zu befolgen, was er ihnen geboten habe (vgl. Mt 28, 16-20). Das klingt doch eigentlich sehr nach dem Auftrag zur Überzeugungsarbeit, oder?
› Lesen Sie auch: Gepäckbedingungen
Auch will Bischof Feige das Bild vom Hirten entsorgen, weil ihm dessen Herkunft aus patriarchalischen Lebensformen anachronistisch erscheint. Und er will keine Mitgliedersteigerung für die Kirche: „das ist nicht unser Anliegen“. Ach! Dabei klingt doch als Abschlussakkord der Jüngeraussendung am Tag der Himmelfahrt Christi die Aufforderung Jesu sehr unüberhörbar durch die Jahrhunderte, dass nach aufgetragener Überzeugungs- und Bekehrungsbemühung durch die Gesandten die Taufe als Mitgliederakquise stehen soll.
Natürlich nicht als reine Vereinsrekrutierung – das wussten wir allerdings schon, bevor Bischof Feige ans Werk der ekklesialen Dekonstruktion ging –, sondern als Einzug in das Reich Gottes, der ohne Kirche nicht ohne weiteres zu haben ist – wenigstens ist das der biblische Befund und die Lehre der Apostel.
Die Aufgabe der Kirche sei es, „selbstlos für die Gesellschaft da zu sein“, vermeldet der Bischof schließlich. Nicht falsch, würde man sagen, aber auch nicht ganz richtig. Denn das Engagement für die „Welt“ erschöpft sich nicht in Dienstleistungen zur Bestätigung der Zeitläufte, sondern im Verändern derselben mit dem Rückenwind des Heiligen Geistes. Und dies bedeutet keineswegs die Durchsetzung irgendeiner Agenda aus humanistischen Denkfabriken durch die mittlerweile hoffähigen Etikettenschwindeleien und die inhaltliche Neubefüllung traditioneller Begrifflichkeiten durch gut bezahlte akademische Theologen.
Zulauf gibt es, wo es Treue im Glauben und Standhaftigkeit im Kampf um die offenbarte Wahrheit gibt
Für die Gesellschaft da zu sein – durchaus in Selbstlosigkeit – bedeutet immer auch, sie mit dem zu durchdringen, was Jesus Christus seiner Kirche ins Stammbuch geschrieben hat, nämlich dass er der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Dies der Gesellschaft in der jeweiligen Zeit zu sagen, verträgt weder ein gleichmütiges Mitschwimmen noch eine Verzettelung in die derzeit so gern betriebene depressive Selbstabwicklung.
Sondern es braucht Freude am vollständigen und tradierten Glauben, Mut zur Verkündigung und Stärke, den Weg zur Quelle nicht zu verlassen, der nun mal leider gegen den Strom führt. Angesichts der spürbaren Signale eines steigenden Interesses vieler Suchender zu erfahren, was die Kirche in Zeiten der Verunsicherung im Angebot hat, gewinnen mehr und mehr Initiativen an Boden, die sich aus dem Korsett der staatlich mitfinanzierten und dadurch mitunter auch geknebelten Servicekirche lösen und frank und frei den Glauben authentisch leben, verkünden und feiern.
Dort braucht man sich vor der Umfrage zum Sonntag nicht zu fürchten, denn dort boomt das geistliche Leben und sind die Kirchen gut gefüllt. Eigentlich kein Wunder. Denn überall dort, wo es Treue im Glauben gibt, Vollständigkeit in der Verkündigung und Standhaftigkeit im Kampf um die offenbarte Wahrheit, gibt es auch Zulauf.
Die Menschen stimmen mit den Füßen ab und suchen die Inseln auf, wo es gute Weiden gibt und gute Hirten. In der Kirche ist eben jeden Sonntag Wahlsonntag. Eine Frohe Botschaft, denn dort bekommt man, was man gewählt hat!
› Kennen Sie schon unseren Corrigenda-Telegram- und WhatsApp-Kanal?
Kommentare
Pfarrer Dr. Rodheudt als Gemeindepfarrer zu haben, muss eine sondergleiche Genugtuung sein! Die Besucherquote muss hoch sein! Alles andere wäre verwunderlich. 🙏
Teil 1
Die Kolumne operiert mit einem doppelten rhetorischen Verfahren:
erstens der Selbstvergewisserung über eine vermeintlich „vollständige“ Verkündigung, zweitens der Konstruktion eines Gegensatzes zwischen „Treue im Glauben“ und einer angeblich transzendenzvergessenen Kirche. Diese Gegenüberstellung ist jedoch weniger Analyse als Selbstbeschreibung — und sie bleibt genau dort blind, wo sie sich als einziges Licht inszeniert.
Die Argumentation setzt voraus, dass es eine eindeutige, unveränderliche und historisch ungebrochene Wahrheit gebe, die lediglich „mutig“ verkündet werden müsse. Das Problem ist: Diese Voraussetzung ist selbst ein Produkt von Interpretation. Und Interpretation ist kein Fehler, sondern die Bedingung jeder Sinnbildung. Wer also aus einer Interpretation eine Dogmatik ableitet und diese Dogmatik wiederum als Beweis für die Eindeutigkeit der Interpretation ausgibt, bewegt sich in einem geschlossenen System, das seine eigenen Prämissen nicht mehr reflektiert.
Die Schrift selbst ist kein monolithisches Dokument, sondern ein vielschichtiges, über Jahrhunderte gewachsenes Textkorpus. Ihre mündliche Tradierung — von Generation zu Generation, von Lagerfeuer zu Lagerfeuer, von Zelt zu Zelt — ist historisch unstrittig. Dass aus dieser langen Phase der Variation und Redaktion ein Kanon wurde, ist ein Akt menschlicher Auswahl, nicht ein naturgesetzlicher Vorgang. Die Existenz von vier Evangelien statt eines, die Vielzahl apokrypher Texte und die redaktionellen Schichten des Alten Testaments belegen nicht die Eindeutigkeit der Offenbarung, sondern die Pluralität ihrer Deutungen. Das gilt entsprechend für jede Art von Dogma. Hr. Dr. Rodheudt rekurriert primär nicht auf die Schrift, sondern auf Dogmen — also auf Glaubenssätze, die noch stärker menschlicher Hermeneutik unterliegen als die Bibel selbst. So entstehen Fundamentalismen – der bekannte Todfeind jeden Pluralismus. Ist das wirklich noch katholisch? Ist das wirklich noch weltumfassend?
Teil 2:
Wer diese Pluralität ignoriert, muss notwendig zu dem Schluss kommen, dass seine eigene Lesart die einzig legitime sei. Genau das geschieht hier: Die Kolumne verwechselt die eigene Position mit der Struktur der Wahrheit. Sie behauptet, die Kirche verliere Mitglieder, weil sie sich der „Welt“ zugewandt habe — und übersieht dabei, dass die eigene Interpretation der „Welt“ ebenso kontingent ist wie jede andere. Die Behauptung, nur dort gebe es Zulauf, wo „Treue im Glauben“ herrsche, ist keine empirische Feststellung, sondern eine Projektion: ein Rückschluss vom eigenen Milieu auf die Gesamtheit.
Die Ironie besteht darin, dass der Text die Kirche dafür kritisiert, sich gesellschaftlichen Bedingungen anzupassen, während er selbst eine Form von Anpassung vollzieht — nämlich die Anpassung an ein Weltbild, das Eindeutigkeit dort behauptet, wo die Quellen Vielstimmigkeit zeigen. Die Transzendenz wird nicht dadurch verteidigt, dass man sie gegen die Welt abschottet, sondern dadurch, dass man anerkennt, dass jede Rede von ihr durch Menschen erfolgt. Und was Menschen formulieren, können Menschen auch verändern.
Wer also absolute Definitionshoheit beansprucht, muss erklären, warum seine Interpretation nicht nur eine Interpretation unter vielen ist. Diese Erklärung bleibt die Kolumne schuldig. Stattdessen wird die eigene Perspektive zur Hierarchie erhoben: oben die „offenbarte Wahrheit“, unten die „Welt“. Doch diese Hierarchie ist nicht biblisch, sondern hermeneutisch — und gerade deshalb veränderbar.
Wenn man die Schrift ernst nimmt, muss man ihre Vielstimmigkeit ernst nehmen. Wenn man die Tradition ernst nimmt, muss man ihre Geschichtlichkeit ernst nehmen. Und wenn man die Wahrheit ernst nimmt, muss man die Möglichkeit zulassen, dass sie nicht in einer einzigen Stimme spricht.
Die Ironie ist vollkommen: Wer die Messe in einer Sprache feiert, die die Gemeinde nicht versteht, wer nicht mit ihr spricht, sondern über sie, wer die Communio auf einen Kreis Höriger verengt und das „Katholische“, das Umfassende hochgradig ausschließend umdeutet, der vollzieht liturgisch wie rhetorisch dieselbe Geste — er kehrt der Kirche den Rücken zu und nennt es „Treue“.
@Peter Ortmanns "Wer die Messe in einer Sprache feiert, die die Gemeinde nicht versteht [...], kehrt der Kirche den Rücken zu und nennt es 'Treue'."
Die Erfahrung hat gezeigt, dass das Verständnis zunimmt, wenn man etwas erläutert. Wenn man aber nichts mehr erläutern will, weil es keine Wahrheit gebe, dann kann kein Verständnis entstehen. Als Laie erkenne ich nur eine hochgradig konstruierte Kritik, die versucht, elementare Versäumnisse schönzureden. Man muss auch kein Wissenschaftler sein um zu erkennen, wo Früchte wachsen, und wo nicht.
Es ist m.E. die gleiche überhebliche Selbstgewissheit, mit der Bischof Feige, einige Mainstream-Politiker (Lifestyle-Teilzeit, Einheitsbraun, etc.) [und Peter Ortmann hier im Kommentar-Forum] über die vermeintlich kleinen Leute urteilen und sie belehren, die dazu führt, dass ihnen die "Kundschaft" davon läuft. Und ich bedauere das ausdrücklich!
Dazu ein aktueller Kommentar von Harald Martenstein: https://www.welt.de/politik/deutschland/harald-martenstein/plus6aa39d6d….
Demgegenüber - da bin ich gewiss - sind sich die Leute bei Pfarrer Rodheudt sicher, dass er für sie - ohne Wenn und Aber - immer da ist, selbst wenn er ihnen bei der Predigt den Kopf wäscht.
Von Christen wird oft vergessen, dass laue Christen das ewige Leben in der Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott der Bibel nicht erlangen werden (Offenbarung 3, 14-22)!