Das große Schweigen des Erzbischofs von München und Freising
Das Deutschland des Jahres 2026 gibt sich so human, dass ihre Humanität selbst für Tiere gilt. Aktuell zu beobachten am enormen Aufwand für einen Buckelwal in der Ostsee. Selbst Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier schaltete sich ein.
Gut so, möchte man meinen, möchte man gerne sagen können. Wenn es denn keine menschlichen Notstände gäbe. Doch die gibt es. Und zwar zehntausendfach. Mehr als 100.000 Abtreibungen finden in Deutschland jedes Jahr statt. Das sind allein die gemeldeten Zahlen. Hinzu kommt ein sich anbahnender Druck gegen Alte und Kranke.
Ein Bollwerk gegen die Entmenschlichung des Menschen, gegen den Angriff auf die unendliche Würde einer jeden menschlichen Person war stets die katholische Kirche. Die Bild-Zeitung zitiert den brandneuen Papst-Botschafter in Berlin, Erzbischof Hubertus van Megen, mit den Worten: Die „Lehren der westlichen Gesellschaft über Abtreibung, Euthanasie und Gender-Theorie“ seien „klare Symptome einer Gesellschaft, die ihren inneren Kompass verloren hat“.
Die Angriffe auf das Lebensrecht reißen nicht ab
Umso mehr müsste es die Kirchenfürsten erfreuen, wenn es engagierte Laien gibt, die allen Widrigkeiten zum Trotz zu Tausenden für jenes Leben auf die Straße gehen, das keine eigene Stimme hat, und der sich breitmachenden Kultur des Todes ein mutiges Zeichen des Evangeliums des Lebens entgegensetzen. So wie am kommenden Samstag wieder in München, wenn zum sechsten Mal der Marsch fürs Leben in der bayerischen Landeshauptstadt stattfindet.
Wie nötig Kundgebungen wie der Münchner Marsch fürs Leben sind, zeigen nicht nur die horrend hohen Abtreibungszahlen im Verhältnis zu den Geburten (eins zu sieben, in anderen Ländern ist es noch schlechter), sondern auch die beständigen politischen Angriffe auf das Leben. Die Grünen starteten jüngst einen Vorstoß im Bundestag, der Abtreibung für alle entsprechenden medizinischen Einrichtungen, auch katholische, zur Pflicht machen soll (Corrigenda berichtete).
Den Organisatoren rund um Silja Fichtner ist es sogar gelungen, eine Videobotschaft von US-Bischof Robert Barron, der für seine mediale Evangelisation weltweit bekannt und geschätzt ist, einzuwerben. Der Bischof von Winona-Rochester versichert in seinem Grußwort die Solidarität der US-amerikanischen Kirche mit den Marsch-Teilnehmern und verweist auf die Erfolge der Lebensrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten.
Auch van Megens Vorgänger als Apostolischer Nuntius, Erzbischof Nicola Eterović, übersandte ein Grußwort, in dem er „im Namen des Heiligen Vaters Leo XIV.“ den Teilnehmern des Marsches dankt, „damit gerade das verwundete und verwundbarste menschliche Leben nicht der Willkür in die Hände fällt, sondern in liebende Hände von Menschen, welche die Worte Jesu Christi zum Ausdruck bringen: ‘Ich bin es, fürchtet euch nicht’ (Joh. 6,20)“.
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Der im Februar neu gewählte Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Bischof Heiner Wilmer, hätte gleich ein Zeichen setzen können, indem er ein Grußwort nach München richtet. Das unterließ er und begründete dies auf Corrigenda-Anfrage damit, dass die DBK „als Zusammenschluss der Bischöfe in Deutschland vor allem bundesweite und übergreifende Aufgaben wahrnimmt. Daher werden regionale Veranstaltungen in der Regel nicht begleitet.“
Man könnte einwenden, der Münchner Marsch fürs Leben ist überregional, es kommen sogar Teilnehmer und regelmäßig Redner aus dem Ausland, und selbst US-Bischöfe unterstützen ihn. Doch folgt man der Argumentation Wilmers, dann wäre der Erzbischof von München und Freising, Reinhard Kardinal Marx, der prädestinierte Kandidat für ein Grußwort.
Erinnerungen an den Münchner BDKJ-Skandal werden wach
Also eine Anfrage an den Kardinal am Montag der Karwoche. Wird er am Münchner Marsch fürs Leben teilnehmen? Oder sendet er ein Grußwort? Was sagt er zur Unterstützung der Veranstaltung durch Bischof Barron und Erzbischof Eterović?
Trotz der Bitte um eine Antwort bis Mittwoch: Schweigen. Es geht auf Ostern zu, denkt sich der Journalist. Die Pressestelle und der Erzbischof sind sicher schwer beschäftigt, geben wir ihnen noch Zeit. Als auch am Dienstag nach Ostern keine Antwort kommt, greift der Redakteur zum Telefon. Die Anfrage sei in Bearbeitung, heißt es am anderen Ende der Leitung, und man hake noch einmal nach. 24 Stunden vergehen. Abermals: Schweigen. Also ein erneuter Anruf. Nachhaken. Abermals wird man vertröstet.
Dann, am Freitag, ertönt das kurze Bimmeln des E-Mail-Programms. Antwort der Pressestelle des Erzbischöflichen Ordinariats München. Freude, die gleich der Ernüchterung weicht. Denn die Antwort lautet:
„Sie müssen nicht mehr auf unsere Antwort warten, die Erzdiözese wird sich dazu nicht äußern.“
Erinnerungen an vergangenes Jahr werden wach. Beim Münchner Marsch fürs Leben protestierten Mitglieder des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) gegen die Lebensschützer und brüllten die linksradikale Parole „My body, my choice, raise your voice“ – „mein Körper, meine Entscheidung, erhebe deine Stimme“.
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Das Erzbistum München und Freising wollte sich damals trotz mehrfacher Nachfrage nicht äußern. Der Vorfall empörte viele Katholiken, selbst Pfarrer des Erzbistums äußerten sich öffentlich, einer verweigerte dem BDKJ den „Pfarrcent“. Dazu muss man wissen, dass der BDKJ und seine Diözesanverbände auch von den Bistümern finanziert werden.
Wovor nur hat Kardinal Marx Angst?
Wie kann es sein, dass ausgerechnet sie gegen den Lebensschutz, einem Kernelement katholischer Morallehre, protestieren und sich der zuständige Bischof dazu nicht äußert? Was sagt es aus, wenn derselbe Bischof einer dezidiert christlichen Veranstaltung die Unterstützung in Form eines Grußworts verweigert? Noch dazu, wenn andere deutsche Bischöfe wie Rainer Maria Kardinal Woelki, Stefan Oster oder Rudolf Voderholzer dies tun oder wenn zahlreiche Priester, Patres und Schwestern sogar mit demonstrieren?
Organisatorin Silja Fichtner ist die Enttäuschung anzuhören, wenn man mit ihr über das große Schweigen des Erzbischofs spricht. „Eigentlich könnte Kardinal Marx stolz darauf sein, dass Katholiken seiner Diözese eine der größten Lebensschutzveranstaltungen im deutschsprachigen Raum organisieren“, sagt sie. „Es ist traurig, wenn weder der Sache noch dem Engagement die entsprechende Wertschätzung entgegengebracht wird.“
Manchmal wird Schweigen eben nicht als Zustimmung aufgefasst, sondern als Ablehnung. Wovor nur fürchtet sich der Kardinal?
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Kommentare
Leider läuft die kath. Kirche dem Zeitgeist blind hinterher. Man ist geneigt, der Amtskirche den Rücken zu kehren, nur das jüdisch/kristlichen Erbe ist mir wichtiger.
Der emeritierte Professor Georg May von der Universität Mainz hat ein Buch über die deutschen katholischen Bischöfe zur Zeit der Reformation geschrieben.
Er kommt zum Ergebnis:
"Hätten die deutschen katholischen Bischöfe damals mehr Mut bewiesen, so hätte sich die Reformation nicht so durchsetzen können, wie sie dies tatsächlich getan hat."
@Rudolf Sauer Na dann sage ich als Lutheraner doch mal: Gut so, dass die kath. Bischöfe so feige sind. 😁
Erzbischof Marx will nicht klar Position beziehen in dieser ethischen Fundamentalfrage und nicht diejenigen unterstützen, die diese durch Demonstration ins öffentliche Bewusstsein rücken und dabei teils übel angefeindet und bekämpft werden, bis hinein in Funktionsträgerkreise der Kirche.
Beim heutigen „Marsch für das Leben“ in Warschau war ein Wort des Heiligen Johannes-Paul II. das Motto: „Ein Volk, dass seine Kinder tötet, hat keine Zukunft.“ Wie wahr! Es war dieser Papst, der die widerwilligen deutschen Bischöfe 1999/2000 nach jahrelanger Debatte veranlasste, die staatliche Schwangerenberatung mit Berechtigungsschein für die Tötung des ungeborenen Kindes zu verlassen. Darauf gründeten Laienvertreter aus dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) den Verein „Donum vitae“, der mit staatlichen Geldern, denn Spenden blieben weitgehend aus, die Beratung mit Schein weiterführten, sich also über die kirchliche Entscheidung hinwegsetzten. Eine erste Spaltung der Kirche in Deutschland, deren lange Schatten über den insbesondere vom ZdK betriebenen „Synodalen Weg“, der keine Synode war, bis heute reichten. Statt mit besonderer Intensität die kirchliche Beratung zur Hilfe zum Leben auszubauen, blieben die deutschen Bischöfe in ihrer großen Mehrheit lau und ergriffen diese Chance zur Rettung von Leben nicht, jedenfalls nicht in der notwendigen Intensität. Seitdem ist ihre kirchliche Glaubwürdigkeit beim Lebensschutz beschädigt. Was einstmals ein gemeinsames Fundamentalthema war, ist heute selbst in der Kirche in Deutschland umstritten. So erklärt sich die Distanz etlicher Bischöfe und von Funktionsträger der Kirche gegenüber Lebensrechtlern. Der aus Berlin stammende Fuldaer Bischof Johannes Dyba war hier eine rühmliche Ausnahme, der auch in der veröffentlichten Meinung wahrgenommen wurde.
Es ist dieses Lavieren etlicher Bischöfe wie Marx in der Frage des Lebensrechts ungeborener Kinder gepaart mit dem folgenden Missbrauchsskandal, in dem Marx schwer belastet ist, und den Abwegen des von Marx mit angestoßenen „Synodalen Wegs“, dass das Versagen dieser Generation von Bischöfen ausmacht. Hoffen und beten wir für eine bessere, überzeugendere neue Generation.
Marx, von Papst Franziskus nach seinem Rücktrittsangebot im Amt gehalten, ist allerdings ob seiner fürstbischöflichen Attitüde wahrscheinlich fern solcher kritischer Selbstreflexion. Gesundheitlich angeschlagen quält er sich durch seine letzten Amtsjahre.
Marx hat andere Probleme, er muss sich um sein eigenes Leben kümmern, dass ihm sein Wohlstand (Luxus) erhalten bleibt. Er verträgt kein Wasser, es muss Wein sein, möglichst Champagner.
Der Kardinal hat offensichtlich seinen Glaubenskompass verloren und sollte zurück treten.